Demo-Bericht

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Am 10.3.2012 fand unsere Demonstration „Damals wie Heute – rechten Konsens brechen“ in Saalfeld statt.

Etwa 300 Menschen nahmen ab 14 Uhr an unserer Demonstration teil, deren Route vom Bahnhof auf den Markt führte, wo die erste Zwischenkundgebung abgehalten wurde. Danach zogen die vorwiegend jungen Antifaschist_innen über den Boulevard zum Meininger Hof, anschließend an der Polizei vorüber zur Südstadtgalerie und am Klubhaus der Jugend vorbei zurück zum Markt.
Die Stimmung war gut, die Demospitze laut und so konnte der Forderung den rechten Konsens zu brechen kraftvoll Nachdruck verliehen werden.
Die Polizei begleitete den Demonstrationszug zurückhaltend und ermöglichte damit eine gute Außenwirkung. Da die Nazis dazu aufgerufen hatten, unsere Veranstaltung zu stören, konzentrierten sich die Beamt_innen darauf Störaktionen rechter Kleingruppen zu verhindern.
Jedoch schaffen es mehrere Nazis direkt an der Aufzugsstrecke zu provozieren und Fotos oder Videos aufzunehmen. Einige von ihnen wurden in Gewahrsam genommen oder mussten den Rückzug antreten. Die Nazis beschädigten ein am Bahnhof geparktes Auto eines DGB-Funktionärs und bedrohten diesen später auf der Polizeiwache.
Wir schätzen die Demonstration als erfolgreich ein und sehen sie als Auftakt für weitere antifaschistische Aktivitäten im Landkreis. Ein herzlicher Dank geht an alle Menschen, die vorwiegend aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt den Weg nach Saalfeld fanden um die Antifaschist_innen hier zu unterstützen.

Die gehaltenen Redebeiträge:
Aufruf zur Demonstration
Aufruf zur verbotenen Demonstration am 11.10.97
Redebeitrag der Antifa Arnstadt-Ilmenau
Redebeitrag des Grenzenlos e.V. – Verein für Menschenrechte

Presseberichte:
OTZ 11.03.12
OTZ 12.03.12

Radio F.R.E.I.:
Interview mit Sandro Witt (DGB)

Letztes Update

Hier die wichtigsten Auflagen für Morgen:

- Transparente nicht länger als die Straßenbreite
- keine Glasflaschen und Dosen
- Alkohol- und Drogenverbot

Ansonsten weisen wir nochmal auf das Demo1×1 und die Rechtshilfetipps hin.

Nochmal die Bitte an alle: Bewegt euch, um auf Nummer sicher zu gehen, an diesem Tag in Gruppen und passt auf euch auf. Die EA-Nummer ist: 01523/6511083

Der Infoladen Sabotnik hat einen Artikel zum „Damals“ veröffentlicht für den wir uns bedanken möchten und an dieser Stelle verlinken.

Für Erfurt ist der Zugtreffpunkt 12.30 Uhr am Hauptbahnhof. Ab Jena wird gemeinsam 12.48 Uhr vom Paradiesbahnhof aus losgefahren.

Bis Morgen – auf eine kraftvolle Demonstration ab 14 Uhr vom Bahnhofsvorplatz in Saalfeld.

Auflagen, Naziaktivitäten & Soli-Aktionen

Vor kurzem flatterte uns der Auflagenbescheid für die Demo am Samstag ins Haus.
Dachten wir zuerst die zuständigen Personen beim Landratsamt würden wirklich glauben wir befinden uns im Jahr 1997, gilt inzwischen eine geänderte Version auf die wir uns einigen konnten. Die genauen Auflagen veröffentlichen wir morgen.

Neues gibt es auch von Seiten der Nazis. Offenbar rufen diese vereinzelt via Facebook und anderen sozialen Netzwerken dazu auf unsere Demo am Samstag zu stören. Des weiteren wurden heute bereits Nazis gesichtet, die in einem roten Auto durch die Stadt fuhren und für sie als links oder alternativ geltende Häuser und Personen abfotografierten. Ob es sich hier nur um das übliche Aufgespiele der Nazis handelt oder wirklich Grund zu der Annahme besteht, dass sie am Samstag aktiv werden, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Wir raten allen Leuten dazu am Demotag wachsam zu sein und solidarisch aufeinander aufzupassen. Bildet Bezugsgruppen und bewegt euch in Gruppen!

Wirklich freuen können wir uns in diesen stressigen Tagen, wenn uns Bilder von Soli-Aktionen wie diesen erreichen:

Soliaktion

Vielen Dank an die fleißigen Menschen.

Stay tuned!

Chronik rechter Gewalt

Wir möchten hier auf die „Chronik rechter Gewalt“ hinweisen, die Aktivitäten von Nazis in der Umgebung ab 1992 dokumentiert. Sie wurde bis 2006 von der AG Aufbruch herausgegeben und seit dem von der Antifa Saalfeld aktualisiert:

http://antifaslf.blogsport.de/chronik-rechter-gewalt/

Falls ihr in Zukunft von rechten Übergriffen, Pöbeleien oder ähnlichem betroffen seid, dann meldet es der Antifa Saalfeld über ihr Kontaktformular.

Damals wie heute – rechten Konsens brechen

In den letzten drei Jahren fanden im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt mindestens 22 Konzerte der rechten Szene statt. Die Nazis verfügen mit dem „Alten Labor“ in Unterwellenborn, dem „Ostfeld 0“ in Schmiedefeld und der „Schwedenschanze“ in Deesbach über mehrere Locations, um regelmäßig Veranstaltungen durchführen zu können. Wäre es nach den Wählerinnen und Wählern im Landkreis gegangen, säße die NPD im Thüringer Landtag. Sie erzielte bei der Wahl 2009 hier das beste Ergebnis. Das Auftreten vom Freien Netz Saalfeld und der NPD wurde in der Vergangenheit immer offensiver und gipfelte schließlich am 03. März 2012 in den Spontandemonstrationen durch die Saalfelder Innenstadt und den Stadtteil Gorndorf.

Saalfeld nazifrei

Anstoß wird an diesen Umständen kaum genommen. Die meisten der Saalfelder Klubbesucher_innen und Partygänger_innen unter 20 haben vermutlich noch nie bei einem Besuch der zentral gelegenen Kneipen oder des „Klubhauses der Jugend“ Probleme mit Nazis erlebt. Konnten solche alltäglichen Aktivitäten in den 1990er Jahren noch in Schlägereien auf dem Heimweg oder Überfällen eines Nazi-Mobs enden, hören sich diese Vorfälle für die meisten Jugendlichen heute eher wie Räuberpistolen an. Sorgte früher eine starke linke Szene durch eher handfestes Vorgehen dafür, dass sich Faschos schon aus Eigeninteresse eher auf umliegende Städte und Dörfer verteilten, ist die Situation heute größtenteils von entpolitisierten Jugendlichen geprägt.
Mit dem Wegfall der Selbstbetroffenheit durch rechte Übergriffe und einem Erschlaffen der Naziszene verschwand auch die Einsicht, sich mit Nazis auseinanderzusetzen und gegen sie aktiv zu werden. Teile des Publikums, das an einem Tag mit Linken in Saalfeld feiert, klatscht am nächsten mit Faschos in der Disco ab. Mensch versteht sich und hat keine Probleme miteinander. Politik nervt sowieso und hat beim Party machen nichts verloren. Außerdem kennt mensch sich ja von früher aus der Schule und so übel ist der oder die in dem „Ruhm und Ehre der Wehrmacht“-T-Shirt auch nicht.
Solange Nazis keinen Stress bereiten und nicht gerade den nächsten Bekannten tätlich angreifen, gibt es keine Probleme. Sich über die menschenfeindliche Einstellung dieser Personen Gedanken zu machen, erscheint abwegig. Selbst in alternativen Locations reicht es mitunter, wenn der oder die rechtsoffene Dorfbewohner_in seine oder ihre Thor Steinar-Jacke zurück zum Auto bringt, um am Einlass durchgewunken zu werden.
Wenn Personen etwas gegen Nazis haben, geschieht dies eher selten aus der Einsicht, dass deren Verhalten ein Angriff auf die Einzigartigkeit jeder Person ist, sondern weil es Teil eines allgemeinen Grundverständnisses ist, dass „Nazis schon doof sind“ und mensch die ja nicht gut finden kann. Daraus resultiert dann auch, dass sich homophobe Beleidigungen wie „Schwuchtel“, sexistisches Verhalten und autoritäre Charaktereigenschaften quer durch alle Jugendszenen ziehen.

Nichts hat sich geändert
Von der lokalen Politik und Presse werden Nazis und ihre Aktionen so gut wie nicht wahrgenommen. Journalismus beschränkt sich im örtlichen Zonenblatt OTZ auf das Kopieren von Pressemitteilungen der Polizei. Ist sonst kein Anlass nichtig genug, um mit ihm die nächste Seite im Lokalteil zu füllen – sei es ein umgeworfener Blumenkübel auf dem Markt oder die neusten Brötchensorten beim Bäcker in Dorf XY – grenzt es an eine unlösbare Aufgabe nachzufragen und Öffentlichkeit zu schaffen, wenn es ständig zu Nazi-Veranstaltungen im Landkreis kommt. Ob dies aus fehlendem Interesse, Absicht oder schlichter Unfähigkeit geschieht – man befindet sich auf einer Linie mit den lokalen Parteien und Behörden. Es wird verschwiegen und wenn möglich, nicht wahrgenommen, was hier passiert.
Jede Form von Öffentlichkeit könnte der Stadt, Gemeinde und den Tropfsteinen im Touristenmagnet Feengrotten schaden. Wenn kritische Stimmen aufkommen, werden diese schlicht ignoriert oder als Panikmache von linken Chaoten_innen abgetan. Was die Familienministerin Kristina Schröder und konservative Kräfte mit ihrem Geschwätz vom Extremismus und der Gleichheit von links und rechts propagieren, ist bei der normalen Bevölkerung im Landkreis ohnehin Common Sense.
Wo NPD-Kader auf Kirmsen und Dorffesten seit Jahren anerkannte Bestandteile der Organisation und Dorfgemeinschaft sind, ist die Sensibilität für politische Themen generell nicht vorhanden. Eine rassistische und nationalistische Grundstimmung zeigte sich unter anderem, als die Pfarrersfamilie Neuschäfer an die Öffentlichkeit trat und die alltäglichen Zustände im Landkreis als Grund für ihren Wegzug nannte. Reflexartig reagierte die öffentliche Meinung mit bestem Volksgemeinschaftsverhalten und schob der Familie die eigentliche Schuld unter. Alltäglicher Rassismus, Hass auf Fremdes und Zustimmung zu Positionen eines Thilo Sarrazin sind, wie in anderen ostdeutschen Städten, Normalität. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann, wird es weiterhin an linken Chaoten_innen hängen bleiben, Kritik an diesen Verhältnissen zu üben.

Damals wie heute
Unser Motto „Damals wie heute – rechten Konsens brechen!“ ist an jenes der verbotenen antifaschistischen Demonstration vom 11. Oktober 1997 angelehnt. 1997 sollte ebenfalls auf die Etablierung von faschistischen Strukturen im Landkreis aufmerksam gemacht werden. Auch wenn die Situation damals ungleich schlimmer war als heute, zeigen sich dennoch Parallelen. Nicht nur sind immer noch rechte Kader aus dieser Zeit aktiv, geändert hat sich auch das Verhalten der Bevölkerung nicht.
Die von Tino Brandt in den 1990ern maßgeblich mit Geldern des VS aufgebaute rechte Szene zieht ihre Spuren bis heute – sei es durch die Morde der NSU, welche aus dem „Thüringer Heimatschutz“ hervorging oder Nazikader, die inzwischen als Geschäftsleute gesellschaftlich akzeptiert sind und so Logistik und Geldmittel für die Szene bereitstellen. Die kritische Auseinandersetzung mit der rechten Ideologie und den faschistischen Strukturen wurde und wird mit Repression überzogen und die bürgerliche Gesellschaft wollte und will davon erst recht nichts wissen.

Jetzt mal ehrlich
Eine Demonstration wird die Verhältnisse hier nicht auf den Kopf stellen oder dauerhaft ändern. Dies wäre nur zu erreichen mit radikaler Gesellschaftskritik, die sich nicht mehr, wie die Feuerwehr, an den neuesten Schwelbränden neonazistischer Gruppen abarbeitet, sondern sich aus einer Position von marginalen Kleingruppen und Einzelpersonen löst, um gegen Staat und Kapitalismus zu arbeiten.
Solange dafür keine Perspektive besteht, darf es ein legitimes Ziel sein, dauerhaft Ruhe vor Nazi-Demos und deren Kadern zu haben. Dafür soll unsere Demonstration der Startschuss sein und den Winterschlaf in Saalfeld beenden.

Endlich wieder in die Offensive gehen!

Antifaschistisches Jugendbündnis Saalfeld